Pflege in aller Welt – Skandinavien

Ein Blick über den Tellerrand – wie pflegt Skandinavien? Die skandinavischen Länder genießen bei uns den Ruf zu den Besten zu gehören: in der Bildung, in der Lebensqualität und in der Wirtschaft. Doch was unterscheidet unsere Pflegesysteme voneinander? Oder sind sie sich doch ähnlicher, als man denkt?

Private vs. öffentliche Verantwortung

Obwohl es in Deutschland eine Pflegeversicherung gibt, wird die Verantwortung für pflegebedürftige Mitmenschen eher in der Familie gesehen. Das Problem hier ist leicht erkennbar: die häusliche Pflege funktioniert nur, wenn Angehörige im Stande sind, die nötige Zeit und Arbeit zu investieren oder die pflegebedürftigen Menschen in der günstigen Lage sind, sich eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung leisten zu können. Bei einer Heimunterbringung hingegen zahlen die Pflegekassen den vollen Leistungssatz. Und dort, wo die Eigenmittel und die Pflegekassenleistung nicht ausreichen um den Platz im Altenheim zu zahlen, kommt die Sozialkasse für den Rest auf. Doch um überhaupt Leistungen zu bekommen, müssen sich die betroffenen Personen erst einer Prüfung unterziehen. Je nach festgestellter Pflegestufe übernimmt die Kasse bis zu einer festgelegten Höhe Leistungen, die durch anerkannte Pflegedienste erfolgen.

Dabei ist Deutschland das einzige Land mit einer Pflegeversicherung. Aus dieser stammt der Großteil der öffentlichen Ausgaben von rund 30 Milliarden Euro. Auf den ersten Blick eine große Summe. Wird diese jedoch auf das Bruttoinlandsprodukt (BiP) umgerechnet, sind es gerade mal ein Prozent der Gesamtausgaben. Die Skandinavier investieren hingegen 2,5 Prozent ihres BiP in die Pflege.

Ob in Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland oder Island: hier sehen sich die Kommunen in der Verantwortung Pflegebedürftige zu versorgen. Sie schaffen Strukturen und Hilfsangebote für ihre älteren MitbürgerInnen, damit diese ein selbstständiges Leben im eigenen Zuhause führen können und dabei gleichzeitig die Familie entlastet wird. So steht es den Senioren zum Beispiel frei, ihren Tag in einer Tagesbetreuung zu verbringen, in der gemeinschaftlich eingekauft, gekocht oder die Wäsche gemacht wird. Ein wichtiger Punkt dieser Einrichtung ist, dass die Menschen dort nicht per se als „krank“ oder „pflegebedürftig“ angesehen werden. Denn die Tagesbetreuungsstätten stehen nicht nur Personen offen, die bereits an einer Krankheit leiden und betreut werden, sondern jedem älteren Menschen, der Gesellschaft sucht.

Ausbildung

Die skandinavischen Länder machen viel dafür, um ihre Pflegekräfte bestmöglich auszubilden. So gibt es auf der einen Seite den nicht-akademischen Bildungsweg und auf der anderen Seite Bachelorstudiengänge und Masterprogramme, bis hin zur Habilitation, die alle für einen Pflegeberuf qualifizieren. Dadurch wird nicht nur die Attraktivität des Berufes im Allgemeinen erhöht, sondern auch eine höhere Qualität der Pflegeleistungen angestrebt.

In Deutschland erfolgt die Ausbildung für die meisten Gesundheits- und Pflegeberufe im dualen Ausbildungssystem. Dass jemand, der über eine Hochschulzugangsberechtigung verfügt, in Deutschland auch Pflegemanagement oder Pflegepädagogik studieren kann, wissen nur die Wenigsten.

Kommerzielle Träger und kommunale Verwaltung

In Deutschland gehört jede zweite Pflegeeinrichtung einem kommerziellen Träger an, in den skandinavischen Ländern werden die Pflegeeinrichtungen kommunal verwaltet. Diese Tatsache spiegelt sich auch im Personalschlüssel wieder: Während sich eine Fachkraft in der stationären Altenpflege hierzulande um fünf Patienten kümmert, sind es in den skandinavischen Ländern nur zwei. Die Pflegekräfte sind Angestellte der Kommune und ihre Gehälter werden aus Steuermitteln bezahlt. Dadurch fällt der Wettbewerb unter den kommerziellen Trägern weg, die Kräfte werden im Allgemeinen besser bezahlt und haben mehr Zeit für ihre Arbeit.

Manche Probleme bleiben gleich

Doch auch wenn sich die skandinavischen Länder alle Mühe geben, bleiben manche Probleme bestehen. Hier sieht man sich ebenfalls mit dem Problem konfrontiert, dass der Bedarf an Pflegeleistungen durch die höhere Lebenserwartung steigen wird. Allerdings gleichen sich in diesen Ländern die Geburten- und Sterberate aus, womit die Bevölkerung eine stabile Entwicklung aufweist. In Deutschland überwiegt hingegen die Sterberate die Geburtenrate, was das Problem weiter verstärkt.

Selbst in den skandinavischen Ländern gibt es den sogenannten „Brain Drain“ – damit sind Fachkräfte gemeint, die aus dem jeweiligen Land abwandern. In Skandinavien jedoch meist innerhalb des Verbundes: So wechseln viele von Schweden nach Norwegen, da dort die Arbeitsbedingungen und Löhne besser sind. Durch den Fachkräftemangel setzt man auch hier auf Migranten und Migrantinnen, um den Bedarf zu decken. Allerdings stellt die Integration aufgrund der Sprachbarriere – ähnlich wie in Deutschland – eine Herausforderung dar.

Der Vergleich hat dennoch gezeigt, dass wir in manchen Punkten von den skandinavischen Ländern lernen können. Besonders im Bereich der Ausbildung und bei der Setzung eines anderen Schwerpunktes in der Verantwortlichkeit. Allerdings darf auch nicht übersehen werden, dass die Skandinavier vor ähnlichen Problemen stehen wie wir. Hier liegt die Chance, sich diesen Themen länderübergreifend zu nähern und dem Bereich der Pflege die Plattform zu geben, die diese verdient.

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