Pflege in aller Welt – Japan

Wie sieht die Pflege im Land der aufgehenden Sonne aus? Wir werfen einen Blick nach Japan: Positive Einstellung dem Altern gegenüber, aber auch Tabus und künstliche Intelligenz sind Aspekte, die in der japanischen Pflege zum Ausdruck kommen.

Das weltweit Bevölkerungsälteste Land

Weltweit besteht das Problem der alternden Bevölkerung, doch nirgendwo scheint die Lage so dramatisch zu sein wie in Japan. Bereits 2007 hat die Sterberate die Geburtenrate überholt. Fast 30 Prozent der Bevölkerung ist älter als 65. Die Zahl der gebärfähigen Frauen sinkt so rasant ab, dass laut Hochrechnungen bis 2025 die Bevölkerung rund 4.000.000 weniger Einwohner haben wird als 2017.

Japan ist ein zwiegespaltenes Land, denn während Themen wie Tod und Bestattung tabu sind, ist das Altern auf der anderen Seite weit positiver angesehen als hierzulande. Psychologische Studien zeigen, dass Japaner hohen Alters physisch und mental viel besser aufgestellt sind als Deutsche und seltener an Demenz und Alzheimer erkranken. Die Vermutung ist, dass dies an der positiven Einstellung der Japaner gegenüber dem Altern liegt. Senioren werden sehr respektiert für ihr Alter und die Weisheit, die ihre Jahre mit sich bringen. Es gibt keine Witze oder Vorurteile wie hier, frei nach dem Motto: „Wenn ich alt bin und dement und eine Windel tragen muss…“

Tabus der Gesellschaft

Obwohl die Bevölkerung rapide altert und Japaner dem Alter generell positiv gegenüberstehen, sind Themen wie der Tod und Bestattungen tabu. Dies ändert sich jedoch zur Zeit ganz langsam und muss es auch, wenn man sich die Prognosen und Statistiken anschaut. Einer der Menschen, die geschickt mit der Lage umgehen und versuchen Tabus auf respektvolle Art und Weise zu brechen, ist Norihisa Tomiyasu.

Herr Tomiyasu ist von Beruf Bestatter und ist Inhaber von Japans erstem und soweit einzigen Diskont-Bestattungsunternehmen. 1997 eröffnete er sein erstes Bestattungsinstitut, nachdem ihm als Aushelfer auffiel, wie die Situation ausgenutzt und trauernden Menschen sprichwörtlich das Geld aus der Tasche gezogen wurde. Kosten für Bestattungen sind noch immer sehr hoch, aber Herr Tomiyasu will dem entgegenwirken und Menschen einen fairen Preis in ihren schweren Stunden bieten. So ist er auch der Erste, der offen seine Preise auf seiner Webseite angibt – und mit seinem Modell erfolgreich ist.

Intelligente Wasserkocher und Senioren Cafés

Es gibt viele Wege, wie die Japaner versuchen, das Leben und Zusammensein im Alter zu erleichtern und verschönern. Im Bereich der Technik wird nicht nur in Richtung künstliche Intelligenz geforscht, sondern auch Alltagsgegenstände sollen eine Bereicherung bieten: Der oft genutzte Wasserkocher für Tee zum Beispiel. Es gibt Modelle, die bei jeder Nutzung eine Nachricht an eine vorher festgelegte Nummer senden – so weiß z.B. die Tochter, dass es ihrer Mutter gut geht und sie offenbar gerade einen Tee genießt.

Es gibt auch größere Projekte, die das Leben bereichern sollen. So gibt es extra „Senioren Cafés“, welche in einer Nachbarschaft angesiedelt sind. Diese sprechen, wie der Name schon sagt, vordergründig Senioren an, um ihnen eine Anlaufstelle außerhalb ihrer Häuser zu bieten. Dadurch sollen sie (wieder) Anschluss an die Gesellschaft finden und neue Freundschaften knüpfen. Deshalb sind auch junge Menschen in den Cafés willkommen und junge Mütter bringen sogar ihre Kleinkinder für eine Stunde vorbei. Auf diese können die Gäste aufpassen und sich mit ihnen beschäftigen.

Dieses Modell begeistert Jung und Alt. Der Kontakt mit Kleinkindern und jungen Menschen und die Verantwortung ab und zu auf diese aufzupassen, hilft den Senioren besonders. Dadurch fühlen sie sich gebraucht, nützlich und kommen aus ihrem Alltagstrott raus.

Tageszentren für Jung und Alt

Die meisten älteren Menschen Japans leben zu Hause und nicht in Altenheimen. Es gibt daher Tageszentren, die auf Senioren ausgelegt und voll ausgestattet sind. In diesen Zentren leben manche Menschen permanent, andere zwischenzeitlich, aber ein Großteil kommt morgens und geht nachmittags nach Hause. Somit sind diese Zentren ein Mix aus Altenheim, Krankenpflege und Tagesstätte für ältere Menschen.

Senioren, die nur den Tag im Zentrum verbringen, kommen morgens und können im Zentrum gebadet oder geduscht werden, sich die Haare schneiden lassen und haben Equipment, um zu trainieren. Besonders die Ausstattung des Bades ist beeindruckend, denn egal in welcher körperlichen Verfassung ein Mensch ist – durch moderne Geräte und Technik sind sogar Bäder ein Kinderspiel.

Es gibt regelmäßige Mahlzeiten und Snacks und einen geregelten Tagesablauf. Viele lieben dieses Zentrum. So ist eine Dame zum Beispiel besonders glücklich, weil sie bettlägerig war und sich nun über bessere Gesundheit, Mobilität und die Freundschaften, die sie geknüpft hat, freut. Für das Essen in den Zentren ist ein Ernährungswissenschaftler verantwortlich, der sich genau um die Ansprüche der Gäste und Bewohner kümmert.

Auch für junge Herrschaften gibt es Platz, denn zur gleichen Zeit ist die Seniorentagesstätte auch ein Kindergarten. Kinder der Angestellten haben bevorzugten Eintritt, aber Plätze sind für alle offen. So treffen sich Jung und Alt in dieser Tagesstätte, das Gebäude ist aber aufgeteilt nach den unterschiedlichen Bedürfnissen.

Digitalisierung und mangelnde Arbeitskräfte: Ein weltweiter Trend

Die Digitalisierung schreitet schnurstracks voran und auch in Japan ist künstliche Intelligenz ein großes Thema. So soll künstliche Intelligenz in Zukunft die Pflege erleichtern und teilweise auch dank sprechender Roboter Leuten Gesellschaft leisten. Weitere Vorhaben sind, dass künstliche Intelligenz Pflegepläne erstellt und Daten über die Patienten sammelt.

Auch in Japan mangelt es an Arbeitskräften im Bereich der Pflege, so werden auch dort Leute aus dem Ausland angeworben. Eine Reform des Immigrationsgesetzes soll die Einwanderung für qualifizierte Arbeitskräfte in Zukunft leichter machen.

Lohnende Blicke in die Ferne

Im Vergleich zu Deutschland kann man sich von Japan durchaus etwas abgucken. So z.B. die Tageszentren, die fantastisch ausgestattet sind. Wie erwähnt, ist dort besonders die Badeinrichtung spektakulär. Der intelligente Wasserkocher ist auch eine gewitzte Idee, gerade wenn die eigenen Eltern oder Großeltern nicht Technikaffin sind. Die positive Einstellung dem Altern gegenüber ist fast schon einzigartig und bewundernswert.

Zur gleichen Zeit gibt es viele (ähnliche) Probleme und die Zeit diese zu lösen ist in Japan noch viel knapper als bei uns. Gerade Tabus müssen offengelegt und besprochen werden. Zwar lässt sich auch in Deutschland eine gesellschaftliche Abgrenzung von schwierigen Themen wie Krankheit und Tod beobachten, doch sind sie nicht generell tabuisiert und sollten es auch nicht werden – denn so wichtige Themen zu verschweigen, hilft niemandem, auch wenn sie unangenehm sein können.

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