Der Mehrwert von Biographiearbeit in der Pflege

Biographiearbeit gilt als wichtige Grundlage in der Beschäftigung mit Pflegebedürftigen. Sie ist die Basis, um „einen Draht“ zu dem betroffenen Menschen zu bekommen. Dabei werden Erkenntnisse der Psychologie genauso wie aus der Sozialarbeit genutzt. Besonders bei Demenz kann die Biographiearbeit einen echten Mehrwert leisten.

Ein (neues) Kennenlernen

Sowohl für die Pflegenden, als auch für Angehörige bietet sich mit der Biographiearbeit die Gelegenheit, neue Facetten und Seiten an der (un)bekannten Person zu entdecken. Ein weiterer Effekt, den sowohl tiefgründige als auch mehrere kurze Gespräche mit sich bringen, ist die Bindung oder auch Kameradschaft, die sich entwickeln kann. Das Gefühl des „Gesehen-werdens“ auf Seiten des Pflegebedürftigen ist ein wichtiger Faktor. Mit der Berücksichtigung von Gewohnheiten, Vorlieben, Abneigungen und Verhaltensweisen zeigt man zum einen die gebotene Achtsamkeit gegenüber dem Patienten aber auch den gebotenen Respekt.

Die ambulante Pflege hat den Vorteil, dass in der häuslichen Umgebung die Öffnung und Redefreudigkeit oft leichter fällt. Die Fragen nach der Bedeutung bestimmter Erinnerungsstücke oder anderer persönliche Dinge fallen leichter. Nutzen Sie diesen Vorteil. Biographiearbeit stärkt das Selbstvertrauen des Gegenübers und signalisiert, dass er ernst genommen wird. Mit dem Erzählen wächst auch der Stolz auf das Geleistete! Und Sie selbst können an den Erfahrungen und Erlebnissen des Anderen teilhaben und vielleicht sogar selbst daraus lernen.

Diskretion

Je nach Thema ist viel Fingerspitzengefühl bei der Unterhaltung mit dem Pflegebedürftigen wichtig, um Besonderheiten oder spezielles Verhalten einzuschätzen. Nicht alle Themen sind für jeden geeignet. Es ist wichtig, dass es nicht darum geht, die tiefsten Geheimnisse oder gar Traumata des Gegenübers auszugraben. Die Privatsphäre muss gewahrt bleiben und Verschwiegenheit gehört auch zu den vertrauensbildenden Maßnahmen. So sind zum Beispiel Bemerkungen über eventuell ähnliche Kriegserfahrungen von Frau M. und Frau U. im Beisein anderer oder ohne Einverständnis des Patienten unangebracht. In der Biographiearbeit geht es darum, Verständnis und Rücksichtnahme zu zeigen und zu gewährleisten.

Lebensgeschichte vor der Demenz

Im Falle einer beginnenden Demenz ist die Biographiearbeit wichtig, um später eine individuelle Pflege zu gewährleisten. Mit Hilfe einer kontinuierlichen Kommunikation wird außerdem die geistige Verfassung des Gegenübers im Blick behalten.

Die Identität eines Menschen ist mit seiner Geschichte eng verknüpft und insbesondere bei beginnender Demenz, wenn die Person selbst merkt, dass etwas nicht stimmt, kann es zu Gefühlen von Verlust und Unvollständigkeit bis hin zu Depressionen kommen. Auch hier leistet die Biographiearbeit einen Mehrwert, um diese Phase zu begleiten und leichter zu gestalten. Außerdem schafft sie das Bewusstsein, den Menschen und seine Lebensleistung im Hinterkopf zu behalten und bewahrt davor, den alternden und vergessenden Menschen zu „verkindlichen“.

Methoden

In erster Linie soll Biographiearbeit aktivierend wirken und im besten Fall den Patienten die Möglichkeit geben sich zu öffnen und Vertrauen zu seiner Umgebung zu fassen. Dies kann durch mehrere Methoden geschehen:

  • Durch das Gespräch in der Gruppe oder auch in einer Einzelunterhaltung.
  • Durch Erlebnis-Spiele – Das Spiel „Vertellekes“ wird in diesem Zusammenhang gerne genannt, weil es eine gelassene Atmosphäre zum Kennenlernen bietet. Lesen Sie hierzu auch unseren Beitrag „Spiel und Beschäftigung in der Pflege von Angehörigen“.
  • Durch Fotografien und andere erinnerungsträchtige Gegenstände, aber auch mit Hilfe von Landkarten und Stadtplänen lassen sich Erinnerungen und Erlebnisse zurückholen.
  • Mit Musik und Tanz sind vielerlei Emotionen verbunden, die den Pflegebedürfigen in bestimmte Situationen zurückversetzen.
  • Auch alltägliches, wie Kochen oder handwerkliche Tätigkeiten bieten Gesprächsstoff. Vor allem die Frage „Wie hast Du es immer gemacht?“, kann ein Türöffner sein.

Mit Hilfe dieser Methoden können vorhandene Fähigkeiten wieder aufleben. Doch auch Erklärungen, warum bestimmte Fähigkeiten nicht mehr ausgeübt werden, können gegeben werden.

Erfassungsformen

Ein weiterer Aspekt der Biographiearbeit ist die Dokumentation, wofür sich verschiedene Formen anbieten. So kann der Patient beispielsweise seine Erinnerungen selbst verschriftlichen oder vertonen. Hier kann der Gedanke, etwas für die Nachkommen oder die Welt zu hinterlassen, ein Gefühl der Aufwertung geben. Ähnliches gilt für die Vertonung der Lebensgeschichte, aber auch andere kreative Tätigkeiten wie zum Beispiel das Malen.

Durch die Biographiearbeit gibt es viele Möglichkeiten, sich seinem Gegenüber zu nähern und ihn und seine persönliche Geschichte (neu) kennenzulernen. Dieser Prozess ist spannend und kann für beide Seiten ein echter Mehrwert sein.

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

zurück zum Blog