Über Pflege sprechen: Wie bringe ich es meinen Eltern bei?

Die Eltern werden älter und benötigen mehr Hilfe im Alltag. Ein Pflegedienst oder ein Platz im Pflegeheim wäre die optimale Lösung. Gäbe es da nur nicht dieses eine große Problem: Wie bringe ich es meinen Eltern bei?

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Mit einem Mal ist es da. Dieses große Ungetüm, das allen Unbehagen bereit und keiner möchte es sehen, geschweige denn ansprechen: Die Eltern werden alt und benötigen Hilfe. Die Eltern, die doch früher alles konnten, die Helden unserer Jugendzeit, die Menschen, die uns Halt und Sicherheit gaben. Auch wenn wir schon lange wissen, dass wir keine Kinder mehr sind, hier endet die Kindheit endgültig, die Rollen werden neu sortiert – die Kinder übernehmen die Führung und die Eltern finden sich in der ungewohnten Rolle des Hilfsbedürftigen.

Aus Angst vor dieser Veränderung und davor sich die eigene Sterblichkeit einzugestehen, verharren viele in einer Schockstarre und versuchen die neue Ausgangslage so lange wie möglich zu ignorieren. Dadurch verlieren sie jedoch wertvolle Zeit, um mit den Eltern über deren eigene Wünsche und Ideen zu sprechen. Außerdem können Sie sich und die Eltern dadurch auf die Situation vorbereiten. Sie können sich schlau machen, welche Hilfe überhaupt in Frage kommt oder welche Tipps und Empfehlungen ihnen Freunde und Bekannte geben können. Darüber hinaus benötigt es oft etwas Zeit, einen Platz im Pflegeheim oder in einer Wohngemeinschaft zu bekommen. Je eher Sie und die betroffene Person sich über das weitere Vorgehen im Klaren sind, desto eher können Sie die notwendigen Schritte in die Wege leiten.

Aller Anfang ist schwer

Das Gespräch mit den Eltern zu suchen ist in diesem Fall nicht leicht. Sie wollen die Eltern nicht beschämen oder ihnen das Gefühl geben, nichts mehr wert zu sein. Aus diesem Grund schieben viele Menschen das Gespräch auf. Doch wenn Sie sich rechtzeitig Gedanken darum machen bzw. sich einfach bewusst sind, dass dieses Thema bald auf sie kommt, könnte der Zufall zu Ihrem Verbündeten werden. Wenn die Eltern beim Kaffee trinken erzählen, dass doch „schon wieder“ ein Nachbar/Freund/ehemaliger Arbeitskollege eine Pflegekraft benötigt, haben Sie hier den perfekten Einstieg. Fragen Sie die Eltern, ob sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht haben oder ob sie glauben von solch einer Hilfe profitieren zu können. Sie sollten vom ersten Gespräch jedoch nicht zu viel erwarten. Wenn sich die Eltern zuvor noch keine Gedanken darüber gemacht haben, brauchen sie etwas Zeit, um sich über Wünsche und Vorstellung im Klaren zu werden.

Wichtig an diesem ersten Gespräch ist, dass Sie es persönlich und von Angesicht zu Angesicht führen. Sprechen Sie es nicht mal eben im Supermarkt an oder schicken eine SMS. Geben Sie dem Thema Raum und Zeit. Versuchen Sie es nicht als Witz zu verpacken oder die betroffenen Personen vor bereits getroffene Entscheidungen zu stellen. Und auch, wenn sich hier ein Rollentausch vollzieht: Reden Sie mit dem Beteiligten so und behandeln Sie ihn wie den Erwachsenen, der er ist. Auch wenn die Person an Demenz, unter starken Schmerzen oder schweren Behinderungen leidet – sie haben eigene Vorstellungen und Wünsche von ihrem Leben. Versuchen Sie das immer zu berücksichtigen.

Bedenken, Vorbehalte und Angst

Wenn es darum geht, dass jemand sich eine Pflegehilfe holt oder sogar in ein Pflegeheim umzieht, spielen Ängste und Vorbehalte eine große Rolle. Oft fühlen sich die betroffenen Personen schon allein durch die Tatsache, dass Sie dieses Gespräch suchen, angegriffen oder haben das Gefühl mit zunehmendem Alter und Beschwerden nichts mehr wert zu sein. Versuchen Sie diesem Eindruck von Beginn an entgegenzuwirken. Erklären Sie ausführlich und deutlich, was Ihre Bedenken sind, wie Sie überhaupt auf das Thema gekommen sind und stellen Sie sich vorab auch die Frage: Wie möchte ich in solch einer Situation angesprochen werden?

Typische Ängste und Aussagen und wie Sie damit umgehen können

„Ich verliere meine Unabhängigkeit“ – Nur weil täglich jemand vom Pflegedienst kommt, verliert man nicht seine Unabhängigkeit. Im Gegenteil: Es hilft sogar weitgehend unabhängig zu bleiben, weil man noch zu Hause bleiben kann und trotzdem gut versorgt ist. Hilfe bei täglichen Verrichtungen kann sogar befreiend wirken. Viele Menschen sind erschöpft, wenn sie mit ihren täglichen Verrichtungen fertig sind. Erhalten sie dabei Hilfe, sparen sie Kraft für die schöneren Dinge im Leben. Sollte der Weg in ein Pflegeheim führen, erhalten sie auch hier die nötige Hilfe für die täglichen Aufgaben. Darüber hinaus stellt der Tagesrhythmus einen festen Rahmen dar, der vielen Halt gibt.

„Ich will keine Fremde Person im Haus“ – Es ist fast schon ein Totschlagargument und viele Angehörige denken: Entweder ich übernehme die Pflege oder keiner. Versuchen Sie Ihren Eltern zu vermitteln, dass sie bei der „fremden Person“ auch immer noch ein Mitspracherecht haben. Wenn ihnen eine Person unangenehm und unsympathisch ist, sagen Sie es dem Pflegedienst und lassen sich jemand anderen zuteilen. Viele haben auch Angst davor, dass ihre Wohnung bewertet wird – nicht sauber genug, nicht hübsch genug, zu groß, zu klein usw. Versuchen Sie sich davon zu befreien und Ihren Eltern diese Sorgen zu nehmen. Oder anders ausgedrückt: Bei den Wohnungen, die das Pflegepersonal in ihrem Leben schon gesehen hat, warum sollte ausgerechnet ihre Wohnung negativ herausstechen? Es überwiegen sogar die Vorteile, eine andere Person im Haus zu haben. Erst einmal ist jemand da, der bei den täglichen Aufgaben hilft. Darüber hinaus ist dieser Jemand auch noch geschult, um den Eltern in Notsituationen zu helfen. Und zu guter Letzt haben sie ein weiteres freundliches Gesicht um sich.

„Was kümmern dich meine gesundheitlichen Probleme“ – Oft barsch daher gesagt, soll es Distanz schaffen und Sie davon abhalten weiter auf Ihren Vorhaben zu beharren. In so einer Situation ist es wichtig, dass Sie Ihren Eltern Ihre Befürchtungen darlegen. Fragen Sie auch ruhig nach, wie es war als Ihre Mutter sich damals gesorgt hat, wenn Sie morgens ohne zu frühstücken aus dem Haus sind. Oder warum Ihr Vater darauf bestand, Sie nachts von Freunden abzuholen und Sie nicht allein an dem Wäldchen vorbeigehen zu lassen. Manche dieser Ängste waren real, manche entstanden aus Überfürsorge. Aber es waren Ängste, die ernst genommen wurden – genau das wünschen Sie sich jetzt für Ihre Ängste.

Stille – Hinter einem einfachen „Nein“ und anschließenden Schweigen, kann sich eine einfache Abwehrhaltung verbergen. Es kann aber auch sein, dass es um das Thema Nummer eins geht: Das Geld. Denn viele Menschen haben Angst, dass das Geld für einen Platz im Pflegeheim nicht reicht. Oder sie haben Angst den Kindern auf der Tasche zu liegen. Es ist unangenehm und wird daher verschwiegen. Manche müssen sich auch nicht direkt um das Geld für Unterstützung sorgen. Sie wollen es jedoch oft nicht ausgeben, weil sie ihren Kindern und Enkeln etwas Gutes tun wollen, wenn sie sterben. Sie haben Rücklagen für ihre Liebsten geschaffen. Daher: Fragen Sie nach, erkundigen Sie sich gemeinsam und lassen Sie die Stille nicht einfach Stille sein.

Wichtige Punkte in Kürze

  1. Erkundigen Sie sich ausgiebig. Nutzen Sie dazu alle Ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen – Informationsbroschüren, Internetforen, den Freundeskreis. Sie bestimmen, was Ihnen hilft und womit Sie sich wohlfühlen.
  2. Führen Sie das Gespräch in Ruhe und nehmen Sie sich Zeit. Dies unterstreicht nicht nur den Respekt, den Sie vor den beteiligten Personen haben, sondern hebt auch die Ernsthaftigkeit und Wichtigkeit dieses Themas hervor.
  3. Erwarten Sie nicht zu viel vom ersten Gespräch. Oft wird auf das erste Gespräch mit Abwehr reagiert oder die Eltern sind schlichtweg überfordert, weil sie sich zuvor noch keine großen Gedanken gemacht haben. Geben Sie ihnen die Zeit sich über eigene Wünsche und Vorstellungen klar zu werden. Im seltensten Fall wissen die Betroffen bereits genau was sie wollen und haben sich schon einen eigenen Plan zurechtgelegt. Der erste Schritt ist jedoch gemacht: sie sprechen über Pflege.
  4. Nehmen Sie Bedenken und Ängste ernst. Tun Sie diese nicht einfach ab, sondern sprechen Sie darüber und versuchen Sie diese Ängste zu minimieren. Sollten keine Ängste geäußert werden, haken Sie ruhig nach. Oft werden diese verschwiegen, was zu einer strikten Weigerung, sich überhaupt weiter mit dem Thema zu beschäftigen, führen kann. Manchmal stimmen die Beteiligten auch zu und behalten Ihre Ängste für sich. Daher ist es wichtig, offen darüber zu sprechen.
  5. Falls Ihre Eltern sich komplett gegen die Vorstellung sperren Hilfe anzunehmen, geben Sie Ihnen Zeit. Der Anfang ist gemacht. Kommen Sie in ein paar Wochen noch einmal auf die Situation zu sprechen. Sie sollten es nicht bei jeder Gelegenheit erwähnen, aber sie sollten es auch nicht soweit schleifen lassen, dass Ihre Eltern meinen, das Thema wäre erledigt.

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