Moderne Medizin und Naturmedizin: Ein Konflikt?

Immer mehr Menschen in Deutschland vertrauen auf alternative Heilkunde, gerade wenn moderne Medizin nicht den gewünschten Erfolg bringt. Ärzte kritisieren das oft. Aber der Zwist zwischen eingetragenen Medizinern und Naturheilkundlern ist derzeit im Wandel.

Moderne Medizin: Eigentlich erst seit dem 20. Jahrhundert

Naturmedizin beruht meist auf jahrhundertealten, teils sogar jahrtausendalten Traditionen, während das, was man als moderne Medizin bezeichnet, über einen weit kürzeren Zeitraum Bestand hat. Eine der größten Entdeckungen der Medizingeschichte, das Penicillin, ist in seiner medizinischen Verwendung nicht einmal 100 Jahre alt. Das erste Antibiotikum wurde erst 1941 einem Menschen verabreicht. Geschichtlich gesehen sind also Antibiotika noch etwas Neues, brachten aber einen Sprung in der Behandlung von Krankheiten mit sich. Starben vor einem Jahrhundert Menschen noch regelmäßig an Tuberkulose, Diphterie und Cholera, sind diese Krankheiten mittlerweile bei uns weitestgehend ausgerottet, die Kindersterblichkeit ist enorm zurückgegangen. Aber die Gefahr besteht, dass die Erfolge nicht so langlebig sind wie erhofft. Immer wieder hört man von sogenannten multiresistenten Keimen, denen verschiedene Antibiotika nichts mehr auszumachen scheinen.

Eine Frage der Tradition

Gegenbeispiel aus der alternativen Medizin: Akupunktur wurde bereits 300 Jahre vor Christus systematisiert, ist also mehr als 2200 Jahre älter. Aber ist Tradition immer gleich ein Qualitätsmerkmal? Längst nicht alle Bräuche sind nur deswegen gut, weil sie Tradition haben. Im Gegenteil: Es ist durchaus möglich, dass eine wichtige Entdeckung entweder nicht gemacht wird, oder sich nicht durchsetzen kann, weil bereits eine bestehende Tradition etabliert ist. Und zwar auch selbst dann, wenn eine neu entdeckte Lösung wesentlich besser ist als eine bestehende. Menschen sind nun einmal Geschöpfe der Gewohnheit. Wenn man von Tradition spricht, ist ein Faktor immer entscheidend: Das Wo. Tradition ist immer örtlich begrenzt. Was in einem Land also selbstverständlich ist, kann in einem anderen absurd erscheinen. Dass sich die moderne Medizin so schnell weltweit verbreiten konnte, spricht dadurch also umso mehr dafür, dass sie Ergebnisse liefert.

Die neue Tradition des Westens

In der westlichen Welt hat sich die moderne Medizin mit studierten Ärzten und der Pharmaindustrie mittlerweile als die neue Tradition etabliert. Sie bringt konstante Ergebnisse und schreitet enorm viel schneller voran als die traditionelle Medizin, die sie abgelöst hat. Damit hat sich der Effekt eingestellt, der oben bereits genannt wurde: Ist einmal etwas etabliert, können sich neue Alternativen nur schwer durchsetzen. Selbst wenn diese „neuen“ Alternativen in anderen Bereichen der Welt eine lange Tradition haben. Einer der Grundpfeiler der modernen Medizin ist es, dass Wirkungsweisen wissenschaftlich möglichst einwandfrei bestätigt und vor allem auch erklärt werden können. Das ist bei vielen alternativen Methoden nicht der Fall. Doch seit Ende des 20., bzw. Anfang des 21. Jahrhunderts gewinnt alternative Medizin trotzdem wieder immer mehr an Bedeutung, obwohl moderne Mediziner die Methoden sehr kritisch beäugen, denn in vielen Fällen sind nach wissenschaftlichen Maßstäben keine Wirkungen von alternativen Heilmitteln nachweisbar.

Die Grenzen schwinden

Die Nachfrage nach alternativen Heilmitteln ist trotzdem in den letzten Jahren stark angestiegen. Das liegt mehr an einem Umdenken der Gesellschaft als an einem Scheitern der modernen Medizin selbst. Der Widerstand von Seiten der Medizinforschung lässt als Konsequenz mittlerweile nach. Schließlich waren bekannte Wirkstoffe aus traditioneller Medizin immer schon Orientierung für moderne Pharmaindustrie. Es findet immer mehr ein Umdenken statt: Statt die sogenannte alternative Medizin als Quatsch abzustempeln, gehen heute immer mehr Studien den traditionelleren Methoden nach und versuchen ihre Wirkungsweise nicht nur zu widerlegen oder zu bestätigen, sondern auch zu verstehen. Und ihre wirksamen Methoden in moderne Verfahren zu integrieren. Viel ist tatsächlich Quatsch, aber einiges zeigt auch nachweisbare Erfolge. Die Grenzen zwischen dem, was man heute als Naturmedizin beschreibt und dem, was man moderne Medizin nennt, schwinden dadurch zunehmend. Und wenn wir dadurch am Ende das Beste aus beiden Welten erhalten, ist das doch allemal wert, auf den teilweise spannenden Streit aus Moderne und Tradition in der Medizin verzichten zu müssen.

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