Kein einfaches Thema: Gewalt in der Pflege

Gewalt ist kein Thema, dem man sich gerne widmet. Und genau das ist ein Problem: Denn zu oft wird sie daher totgeschwiegen. Besonders auch in der Pflege muss aber offen darüber gesprochen werden.

Ein Tabu im Wandel

Das Thema Gewalt in der Pflege wurde lange Zeit leider einfach totgeschwiegen – Weder in der Öffentlichkeit noch während der Ausbildung gab es eine offene Debatte. Erst seit Mitte der Neunzigerjahre fand das Thema Einzug in einige Lehrbücher zur Pflege. Das ist auch wichtig: Denn besonders eine frühzeitige Sensibilisierung angehender Pflegekräfte trägt einen wichtigen Teil dazu bei, dass gewalttätiges Verhalten im Job gar nicht erst entsteht. Mittlerweile wird das Thema auch öffentlich vermehrt diskutiert. Leider geschieht das aber meist noch dann, wenn ein besonders schwerer Skandal oder Missbrauch stattfindet, der eine Ausnahme darstellt und deshalb in der Presse besonders behandelt wird. Die alltäglicheren, weniger schweren Formen von Gewalt in der Pflege werden dabei nach wie vor selten beleuchtet. Dabei sind sie es, von denen Menschen am häufigsten betroffen sind.

Falsche Schuldzuweisungen

Ein häufig aufgeführter möglicher Grund für Gewalt in Pflegebeziehungen entsteht aus der allgemeinen Pflegesituation in Deutschland heraus. Das Überlastungsmodell erklärt viele Fälle dadurch, dass Pflegekräfte durch Erreichen ihrer eigenen Belastungsgrenzen im Job nicht nur körperlich, sondern auch seelisch in Mitleidenschaft gezogen werden.

Eine natürliche Reaktion auf diese Überlastung kann dann Abkapslung sein: Ein Verlust des Bezuges zum Berufsideal, für die gepflegten Personen da zu sein. Und weil schließlich der Druck von der Arbeit ausgeht und die gepflegte Person im Zentrum jener Arbeit ausgeht, kann schnell passieren, dass Pflegekräfte (wenn auch meist unbewusst) ebendieser Person mehr und mehr die Schuld an der Situation geben. Und so richtet sich angestauter Frust ausgerechnet gegen die Person, der es von Anfang an zu helfen galt. Hier hilft nur, das Pflegepersonal zu entlasten sowie ein Vertrauensverhältnis zwischen Pflegekraft und Patient zu stärken, wie etwa durch Eins-zu-Eins-Pflege und Abbau von Zeitdruck.

Gewalt ist nicht gleich Gewalt

Wer an Gewalt denkt, denkt zunächst unvermittelt wahrscheinlich an körperliche Übergriffe wie Schläge oder Tritte. Dabei sind solche offenen Ausbrüche in der Pflege zum Glück die Ausnahme. Aber bereits kleinere Dinge können als Gewalt empfunden werden: Gerade wenn Pflegekräfte unter zu großem Druck stehen, äußert sich dies manchmal in psychischer Gewalt gegen Pflegebedürftige oder Angehörige. Zudem kann Zeitdruck durch weitere Patienten dazu führen, dass die eigentliche Pflegetätigkeit sehr grob und unhöflich durchgeführt wird: Duschen wird quasi erzwungen, damit es schnell geht, das Ankleiden wird so brachial durchgeführt, dass es tatsächlich an körperliche Gewalt grenzt, usw.

Doch egal, wie sie sich äußert: Es ist wichtig sich generell, aber eben auch in der Pflege speziell gegen jede Form von Gewalt einzusetzen. Sowohl individuell als auch institutionell – in Pflegeteams und gesamtgesellschaftlich. Und das geht eben nur dadurch, dass man das Thema auch anspricht.

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

zurück zum Blog