Gleicht Altersweitsichtigkeit Kurzsichtigkeit aus?

Oft hört man, dass kurzsichtige Menschen im Alter auf einmal nicht mehr kurzsichtig sind, weil die Altersweitsichtigkeit ihr Problem ausgleicht. Was ist dran am Gerücht?

Wenn die Lesebrille nötig wird

Den allermeisten Menschen fällt es mit zunehmendem Alter immer schwerer, Dinge in ihrer unmittelbaren Nähe scharf zu sehen. Im Alltag einschränkend ist dies im Normalfall nur beim Lesen: Buch oder Zeitung müssen immer weiter vom Auge weggehalten werden, um die Buchstaben scharf zu erkennen. Die nun scharfen Buchstaben sind aber aufgrund der Distanz kleiner und damit auch wieder schwerer zu erkennen: Eine Lesebrille muss her.

Weil der Prozess schleichend verläuft, bemerken vor allem Menschen, die in ihrem bisherigen Leben nichts mit Brillen zu tun hatten, den Bedarf oft erst sehr spät – viele vermutlich sogar gar nicht. Denn wer immer normalsichtig war und nie eine Brille brauchte, kommt oft gar nicht auf die Idee, dass es nun anders sein könnte. Andere bemerken zwar, dass sie nicht mehr so gut lesen können, geben dies sich und anderen gegenüber aber nur ungern zu – Sei es aus falschem Stolz oder schlichtweg dem Unbehagen sich einzugestehen, dass man selbst älter wird.

Ein logisches Gerücht

Es klingt einleuchtend: Kurzsichtigkeit wird in negativen Dioptrienzahlen ausgedrückt, Weitsichtigkeit in positiven, ein Wert von null Dioptrien gilt als gesund. Man muss kein Mathematik-Genie sein um zu erkennen, dass also in diesem Belang die Weitsichtigkeit, die sich oft im Alter einstellt, zumindest auf dem Papier die Kurzsichtigkeit der Jugend ausgleichen könnte: Wer normalerweise im Alter +0.5 Dioptrien bekäme, aber in der Jugend zuvor bei -0.5 lag, müsste schließlich insgesamt bei null herauskommen, also normalsichtig sein. So einfach ist das ganze allerdings leider nicht: Denn gutes Sehen ist mehr als eine Dioptrienzahl von Null. Fehlsichtigkeit hat nämlich viele verschiedene Faktoren und auch die Zahlen der Abweichung vom Normalwert kommen auf verschiedenste Weise zustande.

Flexibilität lässt nach

Kurzsichtigkeit wird in den allermeisten Fällen dadurch verursacht, dass der Augapfel zu lang ist. Weit entfernte Objekte werden daher von der Linse im Auge nicht so gebrochen, dass sie scharf hinten im Auge ankommen. Weitsichtigkeit ist das Gegenteil: Der Augapfel ist zu kurz. Das erklärt, warum man nicht zugleich kurz- und weitsichtig sein kann – Zumindest in der Jugend. Denn Altersweitsichtigkeit hat einen anderen Grund: Sie liegt nicht an der Form des Augapfels, sondern wird dadurch verursacht, dass die Linse im Auge an Flexibilität verliert. Das Auge stellt normalerweise scharf, indem diese Linse gestaucht und gestreckt wird, je nach Distanz des gesehenen Objekts. Ist die Linse nicht mehr elastisch genug, kann sie irgendwann nicht mehr genug gestaucht werden, um nahe Objekte scharf zu stellen. Übrigens ist das kein Prozess, der plötzlich im Alter eintritt: Die Elastizität der Linsen in unseren Augen nimmt das ganze Leben über stetig ab. Wir bemerken den Effekt allerdings erst ab einem gewissen Punkt. Weil also angeborene Kurzsichtigkeit und Altersweitsicht zwei unterschiedliche Ursachen haben, kann ein Mensch im Alter durchaus gleichzeitig kurzsichtig und altersweitsichtig zugleich sein.

Interessanterweise gibt es trotzdem einige Studien, die besagen, dass sich Kurzsichtigkeit bei vielen Menschen ab 40 Jahren bessert. Woran genau das liegt, ist noch nicht abschließend geklärt – Ein Ausgleich aufgrund der Altersweitsicht wird aber aus oben genannten Gründen als Ursache ausgeschlossen.

Neuen Kommentar verfassen

Kommentare

zurück zum Blog